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    On 13.04.2020
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    Zum anderen sind es meist die Mütter, die sich hauptverantwortlich um die Erziehung und insbesondere um die schulischen Belange ihrer Söhne kümmern.

    Mir ist noch nie eine Mutter begegnet, die ihrem Sohn nicht alles Gute dieser Welt gewünscht hätte. Doch dieses Gutmeinen ist nicht selten der Anfang einer langen Kette von Problemen, deren Anfang bis in die Zeit vor der Geburt des Kindes zurückreicht.

    Welche Mutter freut sich nicht auf ihr Kind, in der Erwartung, dass es ein glückliches und erfolgreiches Leben haben wird, verbunden mit der Bereitschaft, alles menschenmögliche dafür zu tun?

    Dies ist ebenso natürlich wie gut, doch birgt es vor allem zwei Gefahren in sich, die später zu Stolpersteinen werden können.

    Zunächst besteht das Risiko, sein eigenes Kind mit Positivprojektionen zu überhäufen. Während die Freude über die ersten eigenständigen Schritte und die ersten fröhlich nachgeplapperten Wörter noch völlig unproblematisch ist, beginnen die Probleme meist in dem Augenblick, wenn das eigene Kind mit anderen verglichen wird.

    Dabei spielt es keine besondere Rolle, ob es in den ersten Lebensjahren anderen Kindern voraus ist, hinterherhinkt oder sich im Durchschnittsbereich bewegt.

    Entscheidend ist vor allem, welche Bedeutung die Mutter der "Performance" ihres Kindes beimisst. In allen drei Fällen kann sie in Versuchung kommen, sich noch mehr um ihr Kind zu kümmern: weil sie den Vorsprung behalten oder ausbauen möchte, weil sie einen Vorsprung herausarbeiten will oder einen Rückstand aufholen möchte.

    Dabei ist ihr nicht unbedingt bewusst, dass ein Kind auch verkümmern und Kummer bereiten kann, wenn man sich zu viel um es kümmert.

    Der verständliche Wunsch, seinen Kindern so viel wie möglich von dem zu vermitteln, was man sich selbst erarbeitet hat, kann fatale Folgen nach sich ziehen, wenn es zu viel des Guten ist.

    In meiner Praxis begegne ich häufig Schülern, die in dieser Hinsicht überfürsorglich behandelt werden. Mehr noch als Jugendliche wollen Kleinkinder die Welt entdecken und nicht erklärt bekommen.

    Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich meinem Kind diesen Spiel-Raum einräume, oder ob ich in noch so guter Absicht zu früh und zu oft in seine Auseinandersetzung mit der Welt eingreife.

    Ich benutze in diesem Zusammenhang gern das Bild von einem Magnetismus, der bereits in jungen Jahren darüber entscheidet, ob jemand später eine solide Eigenmotivation, Selbstorganisation und Konzentrationsfähigkeit entwickelt, oder nicht.

    Sucht das Kind die Lösung für irgendein alltägliches Problem, dann kann man als Erwachsener auf verschiedene Weise damit umgehen.

    Man kann seine Unterstützung selbst dann verweigern, wenn es darum bittet; man kann sie gewähren, sobald es sie einfordert, und man kann eingreifen, bevor es das Bedürfnis nach Hilfe signalisiert.

    In konsequenter Anwendung würde ersteres Vernachlässigung und letzteres Überfürsorglichkeit bedeuten. Stellt man sich Mutter und Kind als zwei Magnete vor, die ihr eigenes Leben organisieren, so wie in der Physik Magnetfelder Eisenstaub in eine spezifische Organisationsform bringen, dann kann man davon ausgehen, dass das Magnetfeld der Mutter zunächst das stärkere ist.

    Säuglinge und Kleinkinder sind physisch wie emotional davon abhängig. Sie könnten nicht überleben, wenn sich das Magnetfeld ihrer Mutter von ihnen abwenden würde.

    Deshalb sind ihre Antennen von Anfang an auf diesen existenziellen Magnetismus ausgerichtet. Auch die Mutter spürt, welche Wirkung ihre physische und liebevolle Zuwendung auf das Kind ausübt, in dessen Augen sich ihre eigene Liebe spiegelt wie der Mond das Sonnenlicht.

    In den ersten Lebensjahren basiert diese wundervolle Spiegelung wesentlich auf der Bedürftigkeit und Abhängigkeit des Kindes.

    Je selbständiger es wird, desto mehr beginnt sich eine zweite Seele in der Mutterbrust zu regen. Es ist die Angst, dass die tragende Säule der Mutter-Kind-Liebe zu bröckeln beginnen könnte.

    So setzt auf meist unbewusster Ebene ein Ringen ein zwischen der Freude über die Entwicklung des Kindes zu immer mehr Selbständigkeit und der Angst, auf eben diese Weise dessen Nähe verlieren zu können.

    Daraus resultiert eine gewisse Neigung, den eigenen Magnetismus auch dort auf das Kind wirken zu lassen, wo er verhindert, dass es ein autonomes Kraftfeld aufbauen kann.

    Wird einem Kind bei der Lösung seiner alltäglichen Aufgaben zu früh und zu viel geholfen, dann verliert es sowohl die Bereitschaft als auch die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren, selbständig zu denken und zu handeln.

    Wenn Schwierigkeiten auftauchen, hält es Ausschau nach dem magischen Magneten, der alles schneller und besser kann als es selbst. Im Kindergarten, in der Grundschule und vor allem auf der weiterführenden Schule macht es dann die Erfahrung, dass die mütterlichen Hilfsangebote in entscheidenden Situationen nicht mehr zur Verfügung stehen.

    Insbesondere bei Leistungsüberprüfungen der verschiedensten Art ist es ganz auf sich allein gestellt und scheitert, weil die Kräfte des eigenen inneren Magneten zu schwach und die mütterlichen Hilfskräfte zu weit entfernt sind.

    Wenn Sie es mit Sorgen und Sorgfalt nicht übertreiben, profitieren Sie persönlich von einem "Kollateralnutzen" der besonderen Art, sofern ein Körnchen Wahrheit in dem Spruch stecken sollte: " Wer zu viel Sorgfalt gern lässt walten, bekom mt am Ende Sorgenfalten.

    Das liegt daran, dass die mütterliche Suggestivkraft in der Grundschule oft noch systemstabilisierend wirkt.

    Solange dem Kind überwiegend reproduktive und relativ einfache Leistungen abverlangt werden, können ihm die mütterlichen "Kraftanleihen" gute Renditen bringen, aus denen es seinen Konkurrenten gegenüber eine Zeitlang Vorteile erwirtschaften kann.

    Der mit relativ geringem Aufwand erzielte Erfolg befreit sie von Ängsten, stärkt ihre Intuition und gibt ihnen das Gefühl, die schulischen Anforderungen mit Leichtigkeit erfüllen zu können.

    Schüler dieses Typs wechseln in der Regel von der Grundschule auf ein Gymnasium, wo sie dann völlig unvorbereitet eine grundlegend veränderte Situation vorfinden:.

    Zwar treffen diese Punkte mehr oder weniger auf alle Schüler zu, doch spielt das Mutter-Sohn-Verhältnis eine entscheidende Rolle dabei, wie das einzelne Kind mit den veränderten Rahmenbedingungen zurechtkommt.

    Es mag paradox klingen, doch nach meinen Erfahrungen tun sich oft die Schüler auf dem Gymnasium am schwersten, die seit der Grundschule von ihren Müttern am intensivsten bei den Hausaufgaben und der Vorbereitung auf Klassenarbeiten betreut wurden.

    Kaum jemand wird bezweifeln, dass übertriebene Fremdhilfe die Fähigkeit zur Selbsthilfe negativ beeinträchtigt. Doch ist es für Mütter nicht einfach zu realisieren, wann die kritische Grenze überschritten ist, zumal dies weniger von der Quantität als von der Qualität der Betreuung abhängt.

    Auf das wohl häufigste Problem beim Wechsel von der Grundschule auf eine weiterführende Schule haben die Mütter in der Regel zunächst nur wenig Einfluss.

    Betroffen davon sind hauptsächlich Schüler mit einer weit überdurchschnittlichen Intelligenz und Intuition.

    Für sie ist die Grundschule ein Spaziergang, auf dem sie gute Noten einsammeln, ohne sich dafür besonders anstrengen zu müssen.

    Wenn sie dann auf einer weiterführenden Schule höheren Anforderungen und einer stärkeren Konkurrenz gegenüber stehen, sind sie meist nicht in der Lage, sich kurzfristig auf die veränderten Umstände einzustellen.

    Sie klammern sich an die Vorstellung, dass man in der Schule gut sein kann, ohne arbeiten zu müssen. Schreiben sie dann plötzlich die ersten schlechten Arbeiten, verstehen sie die Welt nicht mehr.

    Sie haben zu Recht den Eindruck, dass sich bei ihnen nichts geändert hat, und dass sie dennoch viel schlechter bewertet werden als zuvor.

    Selbst wenn sie irgendwann einsehen, dass sie selber etwas ändern müssten, schaffen sie es oft nicht, den Hebel einfach umzulegen.

    Und selbst wenn ihnen dies gelingt, ist das noch keine Garantie für Erfolg, denn in der Regel wird der vermehrte Einsatz durch inzwischen automatisierte Selbstzweifel negativ kompensiert, sodass die Noten trotz gesteigerter Bemühungen einfach nicht besser werden wollen.

    Dann kann es passieren, dass selbst ein besonders intelligenter und kreativer Schüler immer schlechtere Noten bekommt und irgendwann resigniert.

    Wenn ihm dann auch noch die Eltern in den Rücken fallen und ihm das Gefühl geben, ein fauler Versager zu sein, kann für den Schüler die Welt vollkommen zusammenbrechen.

    Mehr denn je braucht er jetzt eine Mutter, die seine Situation versteht und ihn dabei unterstützt, die Krise zu überwinden.

    Zwar tun sich auch manche Mädchen nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule schwer. Wenn sie plötzlich mit schlechteren Noten konfrontiert werden, als sie es von der Grundschule gewohnt waren, sind sie ähnlich häufig von Lernblockaden und Prüfungsblockaden betroffen wie die Jungen.

    Doch die meisten von ihnen resignieren nicht so schnell wie ihre Klassenkameraden, vermehren stattdessen ihre Anstrengungen und schaffen es häufiger, sich aus der Krise des verflixten fünften Schuljahrs buchstäblich herauszuarbeiten.

    Es gibt drei Widerstände allgemeiner Natur, die sich nicht beseitigen lassen, die man jedoch abmildern kann, wenn man sich ihrer bewusst ist und angemessen mit ihnen umgeht.

    Der erste besteht darin, dass den meisten Schülern spätestens auf der weiterführenden Schule die Schule irgendwann zu viel wird.

    Das hat zunächst nichts mit mangelnder Motivation zu tun, sondern einfach damit, dass die Schüler das Verhältnis von Freizeit und "Schulzeit" als unangemessen empfinden.

    Mit Schulzeit meine ich hier den Schulunterricht, Hausaufgaben, Vorbereitung auf Klassenarbeiten, Aufarbeitung von Stofflücken aber auch jede Situation, in der die Schule zum Thema wird.

    Jede verbale Erinnerung an zu erledigende Aufgaben, aber auch jede nonverbale Geste, die signalisiert, "du könntest jetzt dies oder das für die Schule tun", wird von den meisten Schülern so empfunden, als hätte man einen "Pflichtkorridor" durch ihre "Freizeitlandschaft" gezogen.

    Dies kann dazu führen, dass ihnen ihre effektive Freizeit subjektiv viel kürzer erscheint, als sie tatsächlich ist, und dass sich daraus ein mehr oder weniger bewusster Widerstand gegen alles aufbaut, was nach Schule riecht.

    Der zweite Widerstand hängt damit zusammen, dass Kinder das Haus, in dem sie aufgewachsen sind, als freien Lustraum wahrzunehmen gewohnt sind. Die Schule ist dagegen für sie ein Zeit-Raum, in dem sie überwiegend mit Pflichten konfrontiert werden.

    Während für die meisten Erwachsenen in beruflicher Hinsicht Redaktionsschluss ist, wenn sie von der Arbeit kommen, müssen Schüler sich nach Schulende irgendwann noch einmal zu zusätzlichen Arbeiten aufraffen.

    Dann tun sich besonders die Schüler mit durchschnittlichen oder schlechten Schulnoten schwer, weil sie das Gefühl haben, dass das, was sie tun, in den Augen von Lehrern und Eltern immer zu wenig ist, unabhängig davon, wie viel Aufwand sie betreiben.

    Die häusliche "Lustburg" verwandelt sich in ihren Augen nicht selten in eine Festung, in der sie eine lange Haftstrafe absitzen müssen.

    Unter diesen Rahmenbedingungen arbeiten sie oft unmotiviert und unkonzentriert. Ihr Widerstand gegen das Lernen kann so massiv werden, dass sie mehr Energie in den Widerstand stecken als in dessen Überwindung, mit der Konsequenz, dass die Lernzeiten immer länger und ineffizienter werden, oder dass sie sich alles mögliche einfallen lassen, um dem Lerndruck zu entkommen.

    Wenn Mütter mit ihren Söhnen lernen wollen, lauert im Hintergrund ein dritter Widerstand, der so massiv werden kann, dass die Beziehung zwischen Mutter und Kind auf eine ernsthafte Belastungsprobe gestellt wird.

    Je weniger Anerkennung ein Schüler aus seinen schulischen Leistungen beziehen kann, desto wichtiger wird es für ihn, sich auf eine "Hausmacht" verlassen zu können, für die das, was er leistet, weniger bedeutend ist, als das, was er ist.

    Es spricht nichts dagegen, dass Mütter ihrem Sohn bei den Hausaufgaben helfen, solange er das wünscht und solange dem Thema Schule keine übermächtige Bedeutung beigemessen wird.

    Sobald aber der Sohn das Gefühl hat, dass das Mutter-Kind-Verhältnis wesentlich durch dieses Thema geprägt wird, wird er sich von seiner Mutter verlassen fühlen.

    Er wird sie als Trojanisches Pferd wahrnehmen, das die Schule in sein heimisches Territorium eingeschleust hat.

    Wenn er mit seiner Mutter lernt, hat er bewusst oder unbewusst das Gefühl, einer feindlichen Macht gegenüber zu sitzen, mit der Konsequenz, dass er sich mehr auf das Kämpfen als auf das Lernen konzentriert.

    Beide sind entspannt und gut gelaunt. Die Konzentration des Sohnes ist im grünen Bereich. Lerntempo und Qualität der Ergebnisse sind in Ordnung.

    Das riecht heute nach einer richtig guten Lernsession Gestik und Mimik von Mutter und Sohn wechseln in den Kampfmodus: Same procedure as every afternoon session?

    Lerntechnisch ist er ihr gerade durch die Lappen gegangen, doch er scheint zu wissen, dass dies bei der Jagd nur den schlauen Tieren gelingt. Und deshalb hat er kein Schuldbewusstsein.

    Was ist denn nun passiert? Früher hätte eine solche Szene dazu führen können, dass bei der Kommunikation zwischen Mutter und Sohn für den Rest des Tages die Molltöne dominiert hätten.

    Doch inzwischen haben sie einen Weg gefunden, wie beide beim gemeinsamen Lernen auf ihre Kosten kommen. Der Deal lautet: Finn darf sich hin und wieder kleine Auszeiten nehmen.

    Seine Gegenleistung besteht darin, dass er beim häuslichen Lernen im Durchschnitt die Ergebnisse liefert, die seine Eltern von ihm erwarten.

    Sofern es ihm nicht gelingt - wie Finn im obigen Beispiel - sein Territorium gegenüber der Mutter zu verteidigen, wird er sich im Laufe der Zeit eine Ritterrüstung bauen, die ihm einen sicheren Schutz vor feindlichen Angriffen bietet.

    Wenn diese dann immer öfter die Nerven verliert und sich ihrerseits auf das Spiel gegenseitiger Anfeindungen einlässt, hat er eine entscheidende Schlacht gewonnen.

    Er hat den Angriff eines Trojaners durch eine wirksame Firewall erfolgreich abgewendet. Es kommt zu Versöhnungen mit dem eigenen Sohn, sei es, dass er selbst Streicheleinheiten einfordert oder seine Mutter sie ihm freiwillig gewährt.

    Selbst wenn sie gelegentlich der Versuchung nicht widerstehen kann, ihren Sohn in der ein oder anderen Form wegen seines Widerstandes und seinem unkonzentrierten Arbeiten zu bestrafen, wird an anderer Stelle um so mächtiger der Mutterinstinkt siegen, ihrem Sohn zu zeigen, wie sehr sie ihn liebt.

    Dieses teuflische Spiel kann erst dann ein Ende nehmen, wenn die Mutter es durchschaut und geeignetere Mittel findet, um ihrem natürlichen Bedürfnis nach einer hilfreichen Förderung ihres Sohnes Ausdruck zu verleihen.

    Dabei wird es entscheidend darauf ankommen, die Lernwiderstände des Sohnes auf- und abzuarbeiten, unabhängig davon, ob dies in Eigenregie oder durch die Unterstützung Dritter gelingt.

    Ein Fallbeispiel: Bei zwei Kindern lief alles rund, doch dann macht Julian plötzlich Probleme Neben diesen drei Hauptwiderständen gibt es zahlreiche spezifische Widerstände, die von der individuellen Situation der an der innerfamiliären Lernförderung Beteiligten abhängen.

    Ich möchte mich hier auf ein Beispiel beschränken, in dem einige typische Widerstände vorkommen. Eine Mutter hat sich nach der Geburt ihres dritten Kindes dazu entschlossen, ihren Beruf aufzugeben, um ganz für die Familie da sein zu können.

    Zu dem Zeitpunkt, als sie zum ersten Mal mit ernsthaften schulischen Problemen eines ihrer Kinder konfrontiert wird, hat die Tochter gerade ihr Studium aufgenommen und ihr ältester Sohn die Oberstufe eines Gymnasiums erreicht.

    Ihr Jüngster, der zwölfjährige Julian, geht auf dieselbe Schule und ist gerade in die sechste Klasse gewechselt. Zwar hatte er auf seinem letzten Zeugnis keine Fünf, doch jeweils zweimal die Note "Ausreichend" in Haupt- und Nebenfächern.

    Anfangs hatte der Junge die mütterliche Hilfe dankbar angenommen und war froh darüber, dass sich seine Noten langsam aber stetig verbesserten.

    Doch ausgerechnet im letzten Halbjahr vor dem Ende der Erprobungsstufe verschlechterten sie sich plötzlich und dramatisch.

    Die Mutter stand vor einem Rätsel, da ihr Sohn unverändert motiviert schien und es bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten keine Anzeichen dafür gab, dass er den Stoff nicht beherrschte.

    Auch war Julian nach den Arbeiten stets guter Dinge und rechnete mit entsprechenden Ergebnissen. Doch eine ungewöhnliche Häufung von Flüchtigkeitsfehlern drückte die Bewertungen im Schnitt um ein bis zwei Noten nach unten.

    Nur weil er sich am Anfang des Schulhalbjahres ein Polster erarbeitet hatte, überstand Julian die Erprobungsstufe hauchdünn.

    Als sich der Negativtrend zu Beginn der siebten Klasse fortsetzte, kontaktierte mich seine Mutter wegen des Verdachts auf Konzentrationsprobleme.

    Ein kurzer Check ergab, dass der Junge sich ausgezeichnet konzentrieren konnte. Erst bei der Simulation einer schwierigen Prüfungssituation traten plötzliche Denkblockaden auf, in deren Folge sich seine Leistungsfähigkeit rapide und nachhaltig verschlechterte.

    Dieses Ergebnis war eine erste Erklärung dafür, warum sich die Flüchtigkeitsfehler in seinen Arbeiten besonders am Ende häuften.

    Es fehlte aber noch jede Erklärung für das plötzliche Auftreten der Denkblockaden, die inzwischen den Charakter von klassischen Blackouts angenommen hatten.

    Eine diesbezügliche Befragung von Mutter und Sohn blieb ohne Ergebnis. Wenn bestimmte Programme den Arbeitsspeicher eines Computers besonders stark beanspruchen, spricht man von einer hohen CPU-Auslastung, von engl.

    Im Extremfall kann ein einziger Vorgang den Arbeitsspeicher so belasten, dass der PC abstürzt, es also quasi zu einem Computer-Blackout kommt.

    Das menschliche Gehirn funktioniert ähnlich. Ängste, existenzielle Zweifel und starke, unbefriedigte Bedürfnisse sind generell die gefährlichsten Auslöser für psychosomatische Prozesse, die Teile des Gehirns lahmlegen können.

    Bei gemeinsamen Reisen durch Julians Innenwelten kristallisierten sich drei Themen heraus, die dem Jungen unentwegt durch den Kopf gingen und ihn emotional stark belasteten.

    Auf einer Skala von minus zehn bis plus zehn konnte er einschätzen, wie sich die einzelnen Punkte für ihn anfühlten. Mit minus neun bewertete er eine körperliche Demütigung, die ein gleichaltriger Schüler drei Monate zuvor an ihm verübt hatte.

    Tage, an denen Freunde bei ihm übernachten durften, stufte er mit plus zehn ein. Dafür, dass er seine Mutter traurig mache, gab er den Wert minus sieben an.

    Wie sich bei der Arbeit mit Julian herausstellte, war es in den letzten Monaten zu einer fatalen Überlagerung der drei Themen gekommen.

    Die Demütigung hatte er seiner Mutter verschwiegen, weil er sich dafür schämte und weil er sie nicht noch zusätzlich belasten wollte. Bei einer Übung, in der er die Gesichter seiner Mutter in verschiedenen Szenen vor seinem geistigen Auge Revue passieren lassen sollte, war herausgekommen, dass sie immer fröhlich aussah, wenn sie mit seinen Geschwistern zusammen war und dass ihr Gesichtsausdruck meist traurig und besorgt war, wenn sie ihn anschaute.

    In ihrer Verzweiflung hatte die Mutter dann auch noch die Übernachtungen mit Freunden vorübergehend verboten und die Computernutzung ihres Sohnes eingeschränkt.

    Sie hatte sich davon erhofft, dass Julian sich besser würde konzentrieren können, wenn er weniger Ablenkungen ausgesetzt wäre.

    Innerlich hatten sich jedoch starke Widerstände aufgebaut, die dazu führten, dass das Gelernte nur eingeschränkt in seinem Langzeitgedächtnis abgespeichert wurde und deshalb bei Klassenarbeiten nur begrenzt abrufbar war.

    Sobald er dies bei Prüfungen registrierte, bauten sich Denkblockaden auf, die seine Konzentration und Leistungsfähigkeit zusätzlich verringerten.

    Auch der Mutter war zunächst nicht bewusst, dass sie mit ihren Sorgen ihrem Sohn nicht nur nicht hilft, sondern sogar schadet.

    Mein passender Spruch dazu lautet: " Wer sich Sorgen macht, gibt seinen Sorgen Macht. Nachdem ihr klar geworden war, dass Julian sich in einem Lustloch befand, das sich nicht durch Lustentzug füllen lässt, dass er sich bereits genug eigene Sorgen machte und diesbezüglich alles andere als eine zusätzliche externe Sorgenfabrik gebrauchen konnte, änderte sie den Umgang mit ihrem Sohn besonders an einer zentralen Stelle.

    Sie praktizierte eine Kombination aus Loslassen und neuer Zuwendung. Die täglichen gemeinsamen Lerneinheiten wurden ausgesetzt und die Verbote aufgehoben.

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